Studentisches Wohnen hinter Maschendraht

Studentisches Wohnen hinter Maschendraht

Studentenwohnheim Garching

Der markante Laubengang des Studentenwohnheims in Garching ist das herausragende Merkmal der Wohnanlage, kann aber in der Nutzung nicht wirklich überzeugen.

Das außergewöhnliche Studentenwohnheim in Garching entstand im Zuge der Erweiterung des Hochschulstandortes Garching im Norden Münchens. Nachdem einige Fakultäten vom Stammgelände der Technischen Universität München von der Innenstadt nach Garching umgesiedelt wurden, wuchs dort auch der Bedarf nach hochschulnahen Studentenwohnungen. 2005 entstand auf Initiative des Studentenwerks München ein Wohnheim, das von Fink + Jocher geplant wurde.

Da ist für jeden etwas dabei

Auf zwei identische Gebäude verteilt, bietet die Anlage insgesamt 112 Wohnplätze. Jedes der Gebäude besitzt vier Geschosse, in denen unterschiedliche Wohnungstypen untergebracht sind. Es gibt insgesamt 32 Einzelapartments, und 80 Plätze in Wohngruppen mit zwei bzw. vier Personen.

Die Küche bzw. Gemeinschaftsräume der 4er-Wohngruppen werden jeweils von den Stirnseiten erschlossen. Die zugehörigen Zimmer haben separate Eingänge über den Laubengang an den Längsseiten. Jedes Zimmer der Wohngruppen besitzt eine eigene Nasszelle. Die 2er-Wohngruppen haben ihren Grundriss jeweils über die komplette Breite des Gebäudes. Mittig und als Ort der Begegnung konzipiert, gibt es eine kleine Küchenzeile, sowie eine gemeinschaftlich genutzte Nasszelle.

Die Einzelapartments werden jeweils nur von einer Seite des Laubengangs erschlossen, sie beinhalten allesamt eine eigene Nasszelle und eine minimale Küchenzeile.

Positiv zu werten ist hier die Durchmischung der unterschiedlichen Wohnungstypen, was eine gute Voraussetzung für die sozialen Kontakte zwischen den Studierenden ist. Die Wohnungen sind außerdem so konzipiert, dass sie unterschiedlich genutzt und bewohnt werden können. Das Wohnheim folgt laut Fink + Jocher „dem Gedanken einer Plattform, auf der alle Lebensentwürfe nebeneinander möglich sind, ohne sich gegenseitig zu stören“. Die Möbel sind beispielsweise ausnahmslos mit Rollen versehen, sodass ein Umstellen und Anpassen an individuelle Vorlieben oder Nutzungen ohne Komplikationen möglich ist.

Der Laubengang als umstrittene Erschließung …

Wesentliches Gestaltungselement des Wohnheims sind die umlaufenden Laubengänge, von denen aus alle Zimmer und Gemeinschaftsräume erschlossen werden. Laubengänge als Erschließung besitzen insgesamt einen eher schlechten Ruf, vor allem wegen des abrupten Übergangs zwischen öffentlich und privat.

Es ist normalerweise üblich, dass sich an Laubengängen die weniger genutzten Nebenräume anschließen. Da sich im Studentenwohnheim Garching unmittelbar am Erschließungsgang die Wohnräume befinden, setzten Fink + Jocher auf einen durchdachten und feinfühligen architektonischen Übergang und auf eine individuelle Anpassung. Die geschosshohen Verglasungen der Zimmer können mit textilen Membranen komplett geschlossen werden, sodass nur noch gefiltertes Licht in die Zimmer dringt. Jeder kann also für sich entscheiden, wie viel er von seiner Privatsphäre preisgeben will. Die Türen aus anthrazitfarbenem Aluminium besitzen Lüftungsflügel, durch die Frischluft in die Zimmer gelangt.

Die Laubengänge prägen als architektonische Elemente den Gesamteindruck des Gebäudes maßgeblich. Sie erzeugen eine starke Horizontalität und markante Körperhaftigkeit. Die Kanten sind leicht gezackt und in den unterschiedlichen Geschossen zueinander versetzt. Die vertikale Erschließung erfolgt durch offene Treppenräume an den Stirnseiten der Gebäude, die als auffällige Betonskulpturen in Erscheinung treten.

… oder als Ort der Kommunikation und Begegnung?

Fink + Jocher entwarfen die Laubengänge mit der Intention, eine Erweiterung des doch recht begrenzten Wohnraums zu schaffen. Sie sollen Ort der Begegnung , Erschließungsgang und Balkon zugleich sein. Die Studenten, so die Idee, werden sich den Laubengang aneignen und ihm neue kommunikative Funktionen verleihen.

Leider wurde den Studenten von der Hausverwaltung nicht erlaubt, Möbel oder Pflanzen auf dem Laubengang zu platzieren, was ein herber Rückschlag für die Intention der Architekten ist. Die Studenten werden so der Möglichkeit beraubt, sich den Laubengang wirklich anzueignen, und ihn beispielsweise mit einem kleinen Kräutergarten oder einer gemütlichen kleinen Sitzecke auszustatten. Schade eigentlich, denn die Breite von 1,50 Metern würde einen reizvollen Kommunikationsraum bieten. Und so werden die Laubengänge letztendlich nicht mehr sein, als herkömmliche Flure.

Edelstahl-Maschendraht

Ein aufwertendes Element für die Laubengänge und auch für die Atmosphäre in den Wohnräumen stellt das Edelstahlseilnetz dar, mit dem das komplette Gebäude umhüllt wurde. Besonders im Zusammenhang mit dem gezackten Abschluss der Laubengänge wurde so eine interessante, vielschichtige Fassadenebene geschaffen.

Das Netz wurde speziell für das Wohnheim konzipiert und kann durch seine Varianz in der Maschenbreite die herkömmliche Absturzsicherung ersetzen. Auf diese Weise erhält die Gebäudehülle, im Gegensatz zu den klaren, massiven Formen des Baukörpers, eine angenehme transparente und leichte Erscheinung.

Das Netz soll im Laufe der Zeit komplett mit wildem Wein zuwachsen, was das Gebäude sicherlich noch aufwerten wird, denn die Bereiche, die momentan noch Wind und Wetter sowie neugierigen Blicken ausgesetzt sind, könnten dadurch eine gewisse Intimität erlangen. Auch das Problem der Sonneneinstrahlung durch die großen Fensterflächen könnte so verringert werden.

An diesem Projekt sieht man, dass alleine die Architektur noch keine Garantie für ein gelungenes Konzept ist. Die regulative Haltung von Hausverwaltern und das mangelnde Interesse von Bewohnern kann jede, noch so gute Idee zu Fall bringen.

Projektdetails

Architect:

Fink + Jocher Architekten und Stadtplaner, München

Status:

Baujahr: 2005

Constructor:

Studentenwerk München

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